Nathalie de Vries

 
 
 



 
 
 

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FÜR VIELFALT UND FREIHEIT

Ein Interview mit Nathalie de Vries über 20 Jahre MVRDV, feine deutsch-niederländische Unterschiede und warum „Pur“ niemals pur ist
 

CUBE: Frau de Vries, vor Kurzem ist ein neues Buch von MVRDV erschienen. Worum geht es dabei?

DE VRIES: Das Thema des Buches lautet „20 Bauten aus 20 Jahren“. Und doch ist es keine klassische Werkmonografie mit Gebäudetexten und herausragenden Architekturfotos. Im Gegenteil, wir haben erstmals die Bauherren und Benutzer interviewt und diese haben uns etwa über Facebook ihre Privatsammlungen an Fotos geschickt. Dahinter steht folgender Gedanke: Wie funktionieren die Bauten – stimmen die Theorien, die Analysen, die Herangehensweisen und Ausgangspositionen, die wir zu ihnen entwickelt haben? Es heißt ja immer, wir würden eine Art Gimmick-Architektur machen, die besonders auffällt. Was also fühlen und denken die Leute, die in diesen Gimmicks leben? Ist es überhaupt ein Gimmick, oder hat alles, was wir realisiert haben, nicht doch einen spezifischeren Hintergrund gehabt?

CUBE: Kann man die Herangehensweise von MVRDV nach 20 Jahren auf einen Punkt bringen?

DE VRIES: Wir machen uns in unserer Architektur immer viele Gedanken wie ein Gebäude am Ort und in der Stadt funktioniert. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass unsere Bauten die Stadt in sich aufnehmen über Passagen, Straßen und andere räumliche Eingriffe. Der Städtebau eines Ortes hat also immer Einfluss auf die Typologie eines Gebäudes und seine architektonische Wirkung. Andersherum versuchen wir unsere städtebaulichen Projekte mit einer sehr architektonischen Herangehensweise zu verknüpfen, auch wenn andere Architekten die Bauten am Ende entwerfen. Dabei geht es natürlich auch darum, wie man Raum organisieren kann – kann man das mit Freiheit tun? Mit unseren „Data Scapes“ oder einer Software, mit deren Hilfe man eine gewisse Freiheit und Dichte bei der Funktionsmischung erhält, haben wir versucht, darauf eine Antwort zu geben. 

CUBE: Freiheit, Mischung, Dichte – was noch?

DE VRIES: In den letzten Jahren immer stärker Vielfalt: Verschiedene Stile, verschiedene Positionen sollen etwa beim Wohnen nebeneinander existieren. In Holland war dies traditionell immer sehr stark von oben programmiert und organisiert. Wir versuchen Wege zu finden, die den Leuten mehr Einfluss verschaffen auf ihre Wohnung, mehr Auswahl und Differenzierungen. Bei aller Individualität müssen gleichzeitig aber auch Verfahren und Instrumente für gemeinschaftliche, städtische Strukturen entwickelt werden, damit Straßen, Gassen und urbane Infrastrukturen ausgebildet werden können. Rigide Blockstrukturen und Gestaltungssatzungen, wie sie in Deutschland oft noch favorisiert werden, halten wir demnach für nicht besonders hilfreich. 

CUBE: Gerade haben Sie auch in Randstad-Almere ein besonders interessantes Projekt in Vorbereitung - „Freeland“. Was verbirgt sich hinter dem verheißungsvollen Namen?

DE VRIES: Wir entwickeln dort die Stadtplanung für ein Quartier, in dem einmal 15.000 Menschen leben sollen. Das Interessante ist dabei: Es gibt keine Vorgabe in der Flächennutzung, d. h. jeder Eigentümer kann seine Parzelle nach seinen eigenen Wünschen mit einer Funktion besetzen. Zugleich kann man bei der Gestaltung aus einer Vielzahl von Optionen auswählen, die sich mittels einer Software zusammenstellen lassen. Zudem geht es um energetische und landwirtschaftliche Selbstversorgung. Ziel ist eine urbane Handlungsfreiheit, ohne dass alles in totaler Anarchie endet. Die Eigenverantwortlichkeit soll gefördert werden, wissen die Menschen doch heute oft am besten selbst, was sie brauchen, wie sie wohnen und leben wollen. Ein starres Gerüst, wie man es in Flächennutzungs- oder Masterplänen aufstellt, ist nicht mehr zeitgemäß. Wir vertrauen auf die eigene Nutzungsintelligenz der Menschen und ihre kommunikativen Fähigkeiten – dabei können letztlich viel mehr Vielfalt und Spontanität entstehen!

CUBE: Bei aller Analyse der Rahmenbedingungen von Planung und Architektur – welche Rolle spielen da am Ende noch konkrete architektonische Details?

DE VRIES: Die architektonischen Details unterstützen das Gebäude. Klar, am Anfang arbeiten wir gerne mit Massen und Leerflächen. Wir stapeln viel Unterschiedliches, wobei jeder Teil eben auch seine eigene Identität behält. Dabei unterstützen uns die Materialien. Unsere Oberflächen sind oft sehr glatt und flach – es geht nicht um Tiefe und Plastizität, Nischen und Schatten. Aber die Skulpturalität spielt natürlich schon eine Rolle – man sieht zum Beispiel oft, dass die Wand in die Unterseite eines Gebäude übergeht. Auch dafür braucht man Detaillösungen, um dies am Ende auch wirklich gut aussehen zu lassen.

CUBE: Trotzdem: Wenn man sich die Fassaden anschaut, da ist immer noch eine gewisse Reibung.

DE VRIES: Das hat wohl mit einer gewissen Allergie zu tun, die sich bei uns dreien schon in den 1980er-Jahren noch während des Studiums eingestellt hat. Alles sollte damals wieder seine natürliche Qualität haben: Glas, Steine, Holz und keine Farbe, sondern nur RAL9006 oder 08, oder wie diese graue Farbe auch immer heißt (lacht). Dieser sogenannte Naturalismus, der mit großem Aufwand in Szene gesetzt wurde, ist total falsch. So pur ist „Pur“ gar nicht! Was uns auch wichtig ist, ist das Tragwerk, nicht als Dekor, sondern als Mittel um bestimmte Räume zu generieren. Wir haben das früher einmal durchgerechnet: Im Durchschnitt haben wir vom Budget immer mehr als andere holländische Büros in das Tragwerk investiert, weniger in die Fassade und ihre Materialien. Farbe und Textur und die damit assoziierte Wirkung sind uns beim Material vor allem wichtig. Dabei darf man aber auch nicht vergessen: Diese etwas billigeren Fassaden benutzen wir für eher billigere Projekte – man muss als Architekt kreativ werden, wenn die Budgets gering sind!

CUBE: In den letzten Jahren hat sich die Planungstätigkeit von MVRDV deutlich ins Ausland verlagert. Ist das eine Einbahnstraße, oder nehmen Sie von Ihren Projekten in China und Korea auch etwas mit zurück nach Europa?

DE VRIES: Zum Glück ist es uns gelungen, global erfolgreich zu sein. In Holland gibt es seit der Finanzkrise kaum noch etwas zu tun. Die Hälfte der Architekten, die 2008 als solche gearbeitet haben, tun dies heute nicht mehr. Viele Büros sind bankrott gegangen, selbst renommierte Institutionen wie das Rotterdamer Nederlands Architectuurinstituut (NAi) konnten nur durch eine Zusammenlegung mit anderen Kulturinstitutionen gerettet werden. Glücklicherweise ist die holländische Architektur schon vorher zu einem gewissen Exportschlager geworden. Die Strategien, die wir für die holländische Stadt ausgeprägt haben, haben wir auf dem Weg ins Ausland zu einer allgemeineren Herangehensweise weiterentwickelt. Unsere Mitarbeiter kommen heute von überall her – wir arbeiten in gemischten Teams an allen Projekten, wobei wir versuchen, dass mindestens ein Mitarbeiter auch immer aus dem Land kommt, in dem wir gerade arbeiten.

CUBE: In Deutschland sind Sie vor allem immer noch wegen des Niederländischen Pavillons auf der World Expo von 2000 bekannt. Aber auch ein Mediapark in München und zwei Privathäuser wurden nach Ihren Entwürfen realisiert. Dafür dass die Grenze so nah ist, sind es aber doch eher wenige Bauten geblieben - warum?

DE VRIES: Im Gegensatz zu manch anderem internationalen Büro arbeiten wir immer noch direkt von Holland aus. Das bedeutet auch, dass wir nach holländischen Arbeitsgesetzen arbeiten: Alle unsere Mitarbeiter sind bei uns fest angestellt. Das flexible Modell freier Mitarbeiter, wie es in Deutschland in den Büros gang und gäbe ist, gibt es in Holland nicht. Das führt aber auch dazu, dass wir es uns schlichtweg nicht leisten können, an deutschen Wettbewerben teilzunehmen, die sicher sehr offen sind, aber auch ziemlich viel Geld kosten. Aber wir sind trotzdem präsent: Gerade haben wir zusammen mit Topotek am Werkstattverfahren für die Nachnutzung des Berliner Flughafens Tegel teilgenommen – daran arbeiten wir weiter. Außerdem berät mein Partner Winy Maas die Stadt Mannheim. Auch wenn wir beim eigentlichen Bauen derzeit vielleicht nicht so mitmischen – auf einer politisch beratenden sowie lehrenden, intellektuellen Ebene sind wir in Deutschland sehr aktiv!

CUBE: Vor zehn Jahren hat MVRDV einmal Überlegungen zu einer RheinRuhr-City angestellt und damit Ideen der Kulturhauptstadt antizipiert. Werden Sie als Professorin an der Düsseldorfer Kunstakademie daran weiter anknüpfen?

DE VRIES: Das war damals schon ein wichtiges Projekt und hat viele Nachfolgeprojekte beeinflusst. Noch bin ich hier in Düsseldorf in meiner Assimilierungsphase – ich brauche noch ein wenig Zeit, um mich einzubinden und anzudocken. Ich suche aber schon nach Themen, die meine Heimatregion Rotterdam und die Umgebung verknüpfen. Der einfachste Gedanke ist da natürlich der Flusslauf des Rheins, der beide Städte miteinander verbindet, das Leben am Wasser. Aber auch mit dem Wohnungsbau, der ja in Deutschland derzeit ein wichtiges Thema ist, würde ich mich gerne auseinandersetzen. Als holländische Architekten fanden wir die Beschäftigung mit sozialem Wohnungsbau immer sehr spannend – in Deutschland sehen viele Architekten dies anders: Angeblich gibt es zu wenig Raum für Gestaltungsmöglichkeiten. Als Herausforderung interessiert mich das!

CUBE: Und wenn Sie an Düsseldorf als Stadt denken? Was zeichnet die Rheinmetropole für Sie persönlich aus? 

DE VRIES: Ich erschließe mir die Stadt gerade erst. Manchmal komme ich mit dem ICE und laufe direkt vom Hauptbahnhof bis zur Kunstakademie. Da registriere ich merkwürdige Übergänge, viele unterschiedliche, stark kontrastierende Atmosphären und Viertel – ich bin überrascht, wie kleinmaßstäblich diese ausgeprägt sind. In den Broschüren über die Stadt spiegelt sich diese Vielfalt nicht wider. Auch die Taxifahrer erzählen nur von den Unternehmenssitzen. Man möchte mehr über die verschiedenen Bewohner der Stadt erfahren!

Frau de Vries, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Paul Andreas. 

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